Haus Schulenburg –
ein Familien­projekt

Wie kommt ein einzelner Mensch dazu, ein so umfangreiches und schwieriges Projekt wie die Rettung und Wiederherstellung von Haus Schulenburg, einem Gesamtkunstwerk Henry van de Veldes auf sich zu nehmen?

Eine fast unglaubliche Geschichte

Mein Vater, Rudolf Kielstein (*1914) arbeitete im Herbst 1941 als junger Arzt in einem Lazarett in Gera und wohnte gemeinsam mit meiner Mutter, Hildegard Kielstein (*1917) zur Untermiete in der Weisser’schen Villa, gleich neben dem Haus Schulenburg. Meine Eltern müssen die erwachsenen Söhne von Paul Schulenburg (gest. 1937) und deren Familien zumindest vom Sehen gekannt haben. Ich wurde im Mai 1942 geboren.

Rudolf Kielstein, 1940
 
Hildegard Kielstein, 1940
 

Nach Ende des 2. Weltkrieges, Gefangenschaft und einer Zeit als Assistenzarzt im Waldkrankenhaus Gera ließ sich mein Vater nicht weit von Haus Schulenburg als praktischer Arzt in der Karl-Marx-Allee 26 nieder. Einer seiner ersten Patienten, ein Rechtsanwalt, der nach 1945 vorübergehend im Haus Schulenburg untergebracht war, weil die sowjetische Armee sein Haus für Offizierswohnungen nutzte, schenkte meinem Vater die bekannte und wahrscheinlich im Haus Schulenburg gefundene van de Velde-Monographie von Karl Ernst Osthaus aus dem Jahr 1920. In dieser Monographie ist Haus Schulenburg im Vergleich zu den anderen beschriebenen van de Velde-Gebäuden am umfangreichsten dokumentiert.

Van de Velde – Monographie, Karl Ernst Osthaus, 1920
 

Wir, d. h. mein 3 Jahre jüngerer Bruder Dietmar, meine 7 Jahre jüngere Schwester Elvira und ich stöberten, wie alle Kinder, in den Büchern der Eltern und kannten die Abbildungen von Haus Schulenburg.

Volker, Elvira, Dietmar
 

„…das ist von van de Velde“.

Neben Spaziergängen mit den Eltern führte uns ein anderer Umstand oft an Haus Schulenburg vorbei. In den Arztpraxen gab es damals keine Sterilisationsmöglichkeiten für Verbandsmaterial. Wir mussten deshalb die selbst hergestellten Mullkompressen in einem speziellen Aluminiumbehälter ins Waldkrankenhaus zum Sterilisieren bringen und wieder abholen. Immer wenn wir am Haus Schulenburg vorbeigingen, ich war damals 10 oder 11, sagte mein Vater: „Seht euch das an, das ist von van de Velde“. Mit dieser Bemerkung drückte er eine hohe Wertschätzung aus. Van de Velde muss auch ein berühmter Mann gewesen sein, sonst gäbe es dieses Buch nicht, dachten wir.

Der Aluminiumbehälter für steriles Verbandmaterial Marke Aesculap
Der Aluminiumbehälter für steriles Verbandmaterial Marke Aesculap
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Ein bleibender Eindruck

Ich erinnere mich noch genau an das ungewöhnlich gestaltete Eisentor und die darin geöffnete Eingangstür, die den Blick in ein tonnenförmig gewölbtes Eingangsgebäude frei gab. Die Decke war mit geheimnisvollen Ornamenten verziert, der Weg stieg innerhalb des Durchgangs leicht an, die Wände bestanden aus roten Ziegeln und graugelben Sandsteinsockeln. Ging man hindurch, gelangte man auf einen großen gepflasterten Hof, links die Eingangsfassade von Haus Schulenburg. Die sah ganz anders aus, als alle Häuser, die ich kannte und machte neugierig. Haus Schulenburg wurde für mich so etwas wie ein innerer Maßstab.

Torgebäude, Durchfahrt
 

DIE Sehenswürdigkeit von Gera

Als meine damalige Studienfreundin und spätere Ehefrau Rita Buchholz im verschneiten Februar 1965 im Waldkrankenhaus Gera famulieren wollte, zeigte ich ihr, direkt vom Bahnhof kommend, DIE Sehenswürdigkeit von Gera – Haus Schulenburg. Wir guckten über die Einfriedungsmauer in den kleinen Garten des Pförtnergebäudes und ich zeigte ihr im Schnee die schönen blauglasierten Pflanzkübel (selbstverständlich von van de Velde): „Die müsste man haben!“ Rita konnte nicht ahnen, dass wir einmal gemeinsam Haus Schulenburg vor dem Verfall retten würden.

Rita Kielstein, 2005
 

Tagesklinikpläne in einem Gesamtkunstwerk

1995, 32 Jahre später, ich hatte nach der Wende in Magdeburg die von mir 1978 gegründete Suchttagesklinik und eine ambulante psychiatrisch-psychotherapeutische Abteilung privatisiert, meine Frau war inzwischen Professorin für Innere Medizin an der Otto-von-Guericke Universität Magdeburg, erfuhr ich von meiner Schwester, niedergelassene Ärztin in Gera, dass Haus Schulenburg seit der Wende leer steht und verfällt.

Ich hatte die Idee, in Gera eine Zweigstelle meiner Magdeburger Tagesklinik für Abhängigkeitskrankheiten und psychosomatische Störungen zu errichten und dafür Haus Schulenburg zu erwerben. Gebäude, Innenräume und Gartenanlagen sollten als Gesamtkunstwerk van de Veldes wieder erlebbar gemacht und neben der Tagesklinik kulturell genutzt werden.

MVZ und Tagesklinik an Sternbrücke in Magdeburg, Planckstraße 4 - 5
 

Kuhhandel mit Haus Schulenburg

Mein erster Kaufantrag schlug fehl, weil die Stadt Gera in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung inseriert und sich einen finanzstarken Investor erhofft hatte. Der kam aber nicht. Offensichtlich war van de Velde deutschlandweit nicht so bekannt, weil sich das Hauptwerk seiner Deutschen Periode hinter dem „Eisernen Vorhang“ im Osten befand. Im zweiten Anlauf verkaufte die Stadt Gera das Gebäude Ende 1996 an mich.

Ostthüringer Zeitung, 2. August 1995
Ostthüringer Zeitung, 8. August 1996
Ostthüringer Zeitung, 11. Januar 1996
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Rekonstruktion

Die Rekonstruktion begann Mitte 1997. Die Sanierung wurde fachlich und finanziell unterstützt durch die Untere Denkmalschutzbehörde in Gera, das Thüringer Landesamt für Denkmalschutz in Erfurt, die Deutsche Stiftung Denkmalschutz und das Bundesverwaltungsamt in Köln, diplomatisch durch die Belgische Botschaft in Berlin.

Volker Kielstein 2023 im Haus Schulenburg
 

Das Tagesklinikprojekt und damit auch eine unkomplizierte Refinanzierung der Rekonstruktion von Haus Schulenburg scheiterten nach 10-jährigem Bemühen an Thüringer Widerständen auf unterschiedlichen Ebenen. Trotzdem setzten wir das Projekt fort  und 2013 waren Haus- und Gartenkomplex als einzigartiges Gesamtkunstwerk van de Veldes wieder erlebbar.

Öffentliche Anerkennung

Bereits 2007 ist Haus Schulenburg mit seiner Gartenanlage offizielles BUGA-Begleitprojekt in Gera. 2012 erhielten Rita und Volker Kielstein den Thüringer Denkmalschutzpreis, 2013 war Haus Schulenburg eingebunden in das Van de Velde-Jahr und Teil der Van de Velde-Route, 2019 schließlich Teil des Jubiläums Bauhaus 100 und Station der Grand Tour der Moderne. Ebenfalls 2019 erhielten Rita Kielstein (posthum) und Volker Kielstein den Deutschen Preis für Denkmalschutz, Volker Kielstein 2023 die Kulturnadel des Freistaates Thüringen. 2024 erfolgte die Anerkennung der Leistung durch das belgische Königshaus mit der Ernennung von Volker Kielstein zum Offizier des belgischen Kronenordens.

Haus Schulenburg, Südseite, Fotoarchiv Marburg
 

Die wiederbeschafften van de Velde-Möbel aus dem Haus Schulenburg, die Sammlung von wertvollen Buchgestaltungen van de Veldes, Kunstwerken aus seinem geistigen Umfeld, des Bauhauses und moderne Kunst des 20. Jahrhunderts bilden den Fundus des Henry van de Velde Museums. Es befindet sich in Trägerschaft der Europäischen Vereinigung der Freunde Henry van de Veldes e. V. und ist seit 2012 Mitglied des Museumsverbandes Thüringen.

Europäische Vereinigung der Freunde Henry van de Veldes e. V.

1999 gründeten Rita und Volker Kielstein mit Unterstützung des belgischen Botschafters in Berlin, Struye de Swielande, der belgischen Gesandten Renilde Loeckx und dem Bremer Stadtrat Manfred Osthaus die Europäische Vereinigung der Freunde Henry van de Veldes e. V.

Rita Kielstein wurde die erste Präsidentin dieser Vereinigung, der Oberbürgermeister a. D. Ralf Rauch aus Gera Vizepräsident.

Generationswechsel

Seit 2022 bereite ich das Haus Schulenburg mit seinen Sammlungen auf den Generationswechsel vor. Haus Schulenburg soll in der Verantwortung der Familie erhalten bleiben. Am 23. Juli 2023 führte Franziska Heymann vom Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) in der Thüringer Kulturnacht ein Gespräch mit meinem Sohn Prof. Dr. Jan Kielstein und mir über die Zukunft meines „Halb“-Lebenswerkes.

Jan Kielstein, 1995 Medizinstudent in Chicago
 

MDR Podcast vom 23. Juli 2023
Generationswechsel – Volker Kielstein über sein Lebenswerk Haus Schulenburg